Corona-Schule: Verantwortung

Corona-Schule: Verantwortung

(1) Zur Begründung der Maßnahmen, die im Rahmen der Corona-Krise beschlossen wurden, ist sehr viel von Verantwortung die Rede. Abstand, Hygiene, Masken – das alles soll nicht nur dem eigenen Wohlergehen dienen, sondern auch die Mitmenschen vor dem Risiko einer Infektion schützen. Politiker und Mediziner weisen unermüdlich darauf hin, dass dieses Risiko nur durch die gemeinsame Anstrengung aller Bürger bewältigt werden könne. Gleichzeitig werden diejenigen als „verantwortungslos“ bezeichnet, die sich den verordneten Maßnahmen verweigern und damit zur Verbreitung des Virus beitragen.

Der Appell an die gemeinsame Verantwortung wird häufig mit Blick auf die sogenannten Risikogruppen formuliert. Wie sich gezeigt hat, ist eine Infektion nicht sofort und überall mit schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen verbunden. Viele Infektionen scheinen einen gutartigen Verlauf zu nehmen oder werden von den Betroffenen überhaupt nicht bemerkt. Bei älteren Menschen oder Patienten mit bestimmten Vorerkrankungen lässt sich demgegenüber beobachten, dass eine Infektion durchaus auch lebensbedrohliche Folgen haben kann.

Diese Risikopatienten werden deshalb auch zur Rechtfertigung der Corona-Regeln herangezogen. Obwohl sich die gesundheitlichen Folgen der Krise zumindest in Deutschland bisher in Grenzen halten, kann man selbst strengste Auflagen damit begründen, dass die schwachen Gesellschaftsmitglieder geschützt werden müssen. Die Gesunden und diejenigen, die von der Infektion verschont bleiben, sollen Opfer für diejenigen bringen, die nicht in der Lage sind, sich selbst zu schützen.

(2) Im Kontext der Corona-Krise hat sich auch die Schule nicht damit begnügt, technische Regelungen zur Eindämmung des Infektionsrisikos einzuführen. Sie hat vielmehr von Anfang an immer wieder auf die Bedeutung aufmerksam gemacht, die sich aus einem möglichst geschlossenen Befolgen der verschiedenen Maßnahmen ergeben. Ähnlich wie in der Gesellschaft wird auch die Schule an das Verantwortungsgefühl aller Beteiligten appelliert und vor schwerwiegenden Folgen für die verschiedenen Mitglieder der Schulgemeinde gewarnt.

Denkt an die anderen! Macht alle mit! Alleine allen helfen! So oder ähnlich lauten die eingängigen Parolen, die an den Wänden der Schulgebäude angebracht sind oder von den Lehrkräften in den Klassenzimmern verbreitet werden. Man kann leicht heraushören, dass es um alle und um alles geht. Das einzelne Individuum muss zurückstehen angesichts einer Herausforderung von gesellschaftlicher Tragweite.

Man hört aber auch heraus, dass jeder, der in dieser Situation auf einer eigenen Einschätzung der Wirklichkeit besteht, sehr schnell „alle“ und „alles“ gegen sich hat. Einen ähnlich imperativen Tonfall kennt man sonst nur aus Kriegszeiten, in denen vor inneren oder äußeren Feinden gewarnt wurde. Die Aufforderung, Verantwortung zu zeigen, setzt automatisch jeden ins Unrecht, der sich dieser Aufforderung verweigert.

(3) Die Schule ist ein Ort, an dem wie vielleicht in keiner anderen gesellschaftlichen Institution sehr unterschiedliche Gruppierungen zusammenkommen: Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Altersgruppen, mit unterschiedlicher sozialer Herkunft, mit individuellen Interessen und Meinungen. Die Schule war deshalb immer schon darauf angewiesen, die Vielfalt dieser unterschiedlichen Lebensformen zu einigen. Ohne Appelle an Solidarität, Gemeinschaftssinn und Verantwortung kann der Alltag in der Schule nicht funktionieren.

Schon lange vor Corona ist das Thema Verantwortung aber schon auch für andere Zwecke instrumentalisiert worden. Von Verantwortung war die Rede, wenn es darum ging, die „eigenverantwortliche Schule“ zu fördern, Bedingungen für das „eigenverantwortlichen Arbeiten“ („EVA“) einzurichten oder von den verschiedenen Akteursgruppen mehr „Mut zur Eigenverantwortung“ zu verlangen.

In diesen Fällen diente die Rede von der Verantwortung eigentlich dazu, die Verantwortung gerade abzugeben. Das eigenverantwortliche Arbeiten sollte den Lehrermangel und die Probleme mit Stundenausfällen verdecken, während das Wort von der eigenverantwortlichen Schule die massiven Kontrollen verschleiern sollte, denen die Schule im Rahmen der neuen Steuerungsmodelle ausgesetzt wurden.

Das Diktum von der Eigenverantwortung entspringt dem Wörterbuch des Neoliberalismus. Es ist ein Wort, mit dem darüber hinweggetäuscht werden soll, dass eigentlich das Gegenteil geschieht: Diejenigen, die Verantwortung wahrnehmen müssten, ziehen sich in hermetisch abgeschlossene Entscheidungszentralen zurück und überlassen die Menschen ihrem Schicksal.

(4) Vielleicht hätte man über die Probleme, die aus den neoliberalen Steuerungsmodellen erwachsen, mit den „Verantwortlichen“ immer noch reden können. Seitdem alle Menschen durch die Virusgefahr gebannt sind, geht das nicht mehr. Dass jetzt jeder Einzelne Verantwortung übernehmen muss, steht außer Frage. Die Vereinzelung des Verantwortungsprinzips ist gleichsam gesellschaftsfähig geworden.

Gerade wenn es um die Schule geht, wird aber deutlich, welche Verlagerungen damit verbunden sind: Warum sollen mit einem Male die Kinder für etwas Verantwortung übernehmen, vor dem sie doch eigentlich durch die Erwachsenen geschützt werden müssten? Sind denn nicht die Kinder die Schwachen, die diesen Schutz besonders dringend nötig hätten? Weshalb macht man jetzt die Kleinen für die Probleme der Großen verantwortlich?

Warum belässt man es im übrigen nicht bei allgemeinen Appellen an das Verantwortungsgefühl, sondern untermalt diese Appelle mit Geschichten von schlimmen Erkrankungen, die jeder realen Grundlage entbehren? Warum wird in den Schulen ein Klima von Angst und Bedrohung erzeugt, das die seelischen Verarbeitungsmöglichkeiten gerade jüngerer Kinder heillos überfordert?

Schließlich: Wie kann das überhaupt funktionieren, für jemanden Verantwortung zu übernehmen, zu dem man gleichzeitig auf Abstand gehen soll? Bedeutet Verantwortung nicht, dass man einem anderen Menschen nahe sein muss, dass man sich für ihn engagiert oder seine Partei ergreift? Ist das nicht ein Widerspruch: Verantwortung zu zeigen durch Distanzierung oder Unterlassung?

(5) In der Familienpsychologie sind seit Langem Fälle bekannt, in denen die kranke Mutter oder der kranke Vater ihre Kinder unausgesprochen mit der Sorge um die eigenen Eltern beauftragen. In solchen Familien wird das Generationenverhältnis sozusagen auf den Kopf gestellt: Die Eltern machen sich selbst zu Kindern und die Kinder vor der Zeit zu Erwachsenen, die die Rolle von Eltern übernehmen sollen.

Hinter solchen Fällen von „Parentifizierung“ stehen häufig ungelöste oder unerfüllte Ansprüche der Erwachsenen gegenüber den eigenen Eltern. Boszormenyi-Nagy und Spark (1973) sprechen von einem „Schuldbuch“, das von Generation zu Generation weitergegeben wird und manchmal dazu führen kann, dass offene Rechnungen mit der älteren Generation im Umgang mit den Mitgliedern der jüngeren Generation ausgetragen werden.

Eine solche Konstellation ist für alle Beteiligten sehr schwierig. Sie kann sich aber zu einer ernsten Gefahr für den Individualisierungsprozess der Kinder auswachsen, wenn die Eltern dabei insgeheim das Signal aussenden, dass ihre Kinder der übertragenen Aufgabe nicht gewachsen sein werden und mit dem Familien-Auftrag scheitern werden.

Diese Situation ist vor allem deshalb so gefährlich, weil sie den Kindern keinen Ausweg lässt: Entweder sie nehmen den Auftrag an und scheitern an der Überforderung; oder sie lehnen ihn ab und verstoßen damit gegen die Wünsche der Eltern oder den impliziten Auftrag des Familiensystems.

(6) Harold F. Searles (1959) war der Meinung, dass Formen eines solchen „double bind“ eine Methode darstellen, andere Menschen verrückt zu machen. Er war außerdem der Ansicht, dass der Wunsch, jemanden verrückt zu machen, eigentlich ein Ersatz für die Absicht darstellt, die betreffenden Menschen umzubringen.

Die Rede von der Verantwortung, wie sie im Kontext der Corona-Schule gehandhabt wird, besitzt eindeutig Kennzeichen eines solchen double bind. Politiker, Pädagogen und Eltern sollten sehr vorsichtig damit sein, diesen Begriff im Umgang mit Kindern und Schutzbefohlenen anzuwenden.

 

Boszormenyi-Nagy, Ivan; Spark, Geraldine M. (1973) Unsichtbare Bindungen. Die Dynamik familiärer Systeme. (Stuttgart (1981): Klett-Cotta.

Searles, Harold F. (1959): Das Bestreben, den anderen verrückt zu machen – ein Element in der Ätiologie und Psychotherapie der Schizophrenie. In: Bateson u.a.: Schizophrenie und Familie, S. 128-167. Frankfurt/ M. (1977): Suhrkamp.

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