Stellung nehmen

Stellung nehmen – Über die Kapitulation der Psychologen-Verbände

(1) Seit Beginn der Krise haben sich immer wieder gesellschaftliche Gruppen mit Erklärungen und Appellen zu Wort gemeldet, um Stellung für oder gegen die Corona-Politik der Regierung zu beziehen. Wenn die Infektionszahlen sinken und die Politik die Einschränkungen für die Bevölkerung zurücknimmt, melden sich die Ärztevertreter, um vor der nächsten Variante zu warnen; wenn Spaziergänger demonstrieren, verfasst die gute Gesellschaft Aufrufe, in denen sie sich von Radikalen und Antisemiten distanziert; wenn in den Schulen die Maskenpflicht fällt, verlangt der Lehrerverband die Rückkehr zum Online-Unterricht usw.

Gegen solche Stellungnahmen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. In einer freien Gesellschaft hat jeder das Recht, seine Meinung zu äußern und auf Dinge hinzuweisen, die nach seiner Ansicht geändert werden müssten. Im Fall von Corona kann man aber sehen, dass diese Meinungsäußerungen vor allem dazu dienen, ideologische Grabenkämpfe auszutragen. Den verschiedenen Gruppen geht es nicht um Austausch und Diskussion, sondern vor allem darum, die eigene Seite nach vorn zu bringen und die andere Seite möglichst dumm dastehen zu lassen. Stellungnahme ist hier ganz wörtlich zu nehmen: Man bezieht Stellung und fährt schwere Geschütze auf.

Auf einer inhaltlichen Ebene geben die Bekenntnisse der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen gewöhnlich nicht so viel her. Interessanter ist eher das ganze Drumherum: die bunten Briefköpfe, die langen Listen mit der Unterschrift bekannter oder weniger bekannter Persönlichkeiten, das Aufgebot berühmter Institutionen und Vereine. Wann hat man in der Vergangenheit schon einmal erlebt, dass Kirchen, Gewerkschaften, Parteien, Hochschulen, Fußballvereine und der Verband der Lesben und Schwulen eine gemeinsame Erklärung abgegeben haben? Die Aufrufe für oder gegen Corona sind für das Establishment, was für die Protestierer die Spaziergänge sind.

(2) Wenige Wochen vor der Entscheidung über die Einführung einer Impfpflicht haben sich nun auch die Psychologen zu Wort gemeldet. Nachdem ihre Berufsverbände lange geschwiegen haben, konnten sich die offiziellen Vertreter des Berufsstandes endlich zu einer gemeinsamen Stellungnahme durchringen. In einem Papier, das von einem Professor der Universität Leipzig und gleich sieben weiteren Co-Autoren verfasst wurde, machen sie auf die schwierige Situation von Familien und Kindern aufmerksam und verlangen, dass Maßnahmen des Infektionsschutzes und diejenigen des Kinderschutzes künftig „gemeinsam bedacht und umgesetzt“ werden sollten.

Wie es sich für gewählte Standesvertreter gehört, beschreibt das Papier die Lage der Kinder und Familien vor allem aus der Perspektive der offiziellen Corona-Doktrin. Es wird festgestellt, dass Kinder mittlerweile „fast die höchsten Inzidenzen aller Bevölkerungsgruppen“ aufweisen und damit „häufig von Infektion, Isolation und Quarantäne“ betroffen seien. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass in zahlreichen Studien „auch für Kinder eine nennenswerte Krankheitslast gemessen werden“ konnte. Das bedeutet, dass Kinder entgegen der üblichen Annahme Infektionen auch weitergeben und in der Folge mit einer „erhöhten Mortalitätsrate in der Eltern- und Großelterngeneration“ zu rechnen sei. Wie schon zu Beginn der Krise wird auch jetzt davor gewarnt, dass in diesem Zusammenhang mit psychischen Belastungen der Kinder zu rechnen wäre.

Obwohl das Papier am Anfang dafür plädiert, Maßnahmen des Infektions- und Kinderschutzes stärker aufeinander abzustimmen, werden am Ende vor allem Interventionen zum Infektionsschutz besprochen: verbindliche Umsetzung aller Empfehlungen zur Eindämmung der Ansteckungsgefahr, möglichst flächendeckende Impfung von Kindern, Aufklärungskampagnen in den Schulen, Distanzunterricht im Fall von Schulschließungen und Quarantäne sowie die Einführung eines „Corona-Barometers“, mit dem der körperliche und psychische Zustand der Kinder sowie ihre Impfbereitschaft erfasst werden können.

(3) Ähnlich wie in den Stellungnahmen anderer Berufsgruppen ist auch dem Papier der Psychologen eine lange Liste von Unterzeichnern beigelegt, in der alles versammelt ist, was in der Zunft Rang und Namen hat. Die Vereinigungen der unterschiedlichen psychologischen Schulen, die Berufsverbände, die Kammern der Psychotherapeuten sowie einzelne Hochschulvertreter. Das Papier tut so, als wäre es im Auftrag der gesamten Psychologenschaft verfasst: ein Hirtenbrief an die Gemeinde der Gläubigen.

Dazu passt, dass das Papier mit insgesamt 31 Quellengaben geboostert wird. Der Text selbst umfasst nur knapp zwei Seiten, aber der Apparat mit Angaben zu den insgesamt acht Autoren und den Literaturhinweisen ist noch einmal drei Seiten lang. Offenbar geht es hier vor allem darum, das ganze Gewicht der scientific community in die Waagschale zu werfen. Man will zeigen, dass hier keine Einzelmeinung vertreten wird, sondern dass man im Namen der anerkannten Wissenschaft spricht.

Leider führt das aber dazu, dass der Text hinter den vielen Zitaten und Literaturhinweisen völlig zu verschwinden droht. Eine Textstelle, in der auf mögliche Langzeitfolgen einer Corona-Infektion hingewiesen wird, ist mit insgesamt zwölf Belegstellen abgesichert. Die hochgestellten Ziffern, die im Text auf die entsprechenden Studien verweisen, nehmen beinahe so viel Platz ein wie die Worte, aus denen der Satz selbst besteht. Würde man die Ziffern lesen wie den Text, wüsste man nicht, ob es sich um eine Programmiersprache, um den HAWIE-Intelligenztest oder die Lottozahlen handelt: 8, 9, 16, 17, 20, 21, 23 usw.

(4) Bedauerlicherweise leidet die Stellungnahme aber auch unter einem bedenklichen Schwund der psychologischen Begriffsbildung. Zwar wird zu Beginn festgestellt, dass sich die Anzahl der „behandlungsbedürftigen psychischen Probleme bei Kindern und Jugendlichen“ in den vergangenen zwei Jahre nahezu verdoppelt hätte, aber es wird nicht erläutert, worin diese Probleme im Einzelnen bestehen oder von welchen Voraussetzungen eine psychologische Behandlung dieser Probleme auszugehen hätte.

Statt dessen bleibt es bei vagen Hinweisen auf ein „vielfältiges Netz von Belastungsfaktoren“, zu denen „Existenzsorgen“ ebenso gezählt werden wie Veränderungen in der „Lebenswelt“ der Familien. Gleichzeitig erfolgt eine Eingrenzung der Probleme auf „vulnerable Gruppen“, in denen sich die Belastungen zu bestimmten „Risikokonstellationen“ verdichten – womit offenbar gemeint ist, dass hier alle Probleme zusammenkommen, die in anderen Familien jeweils nur einzeln auftreten.

Ergänzt wird diese schlichte Denkweise durch den Hinweis auf begrenzte Behandlungskapazitäten bei den niedergelassenen Psychotherapeuten, die die gestiegene Nachfrage nicht mehr angemessen beantworten können. Anstatt danach zu fragen, worin denn der besondere Charakter einer psychologischen Behandlung bestehen könnte und wie sich diese von anderen, nicht-psychologischen Interventionen unterscheiden müsste, wird auf ein Szenario verwiesen, das auch an anderen Stellen des Gesundheitssystems immer wieder zitiert wurde: Wenn nach den Klinikbetten jetzt auch die Beratungsplätze der Therapeuten knapp werden, ist unsere Gesellschaft endgültig am Ende.

(5) Der Psychologe, der das Papier verfasst hat, ist an einer Universität angestellt, an der im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts das weltweit erste psychologische Institut gegründet wurde. Sein Direktor war wie die meisten Vertreter der akademischen Psychologie Anhänger einer einfachen und eingängigen Auffassung von Psychologie: Die seelische Welt ist, ähnlich wie die Welt der Physik, aus einzelnen Verhaltens- und Empfindungselementen aufgebaut, die man mit Hilfe experimenteller Zurichtungen isolieren und wieder zusammensetzen kann. Die „Assoziation“ von Bewusstseins-Stücken, die man vorher mit viel Mühe auseinandergenommen hat, ist seitdem zu einer Lieblingsbeschäftigung vieler Psychologen geworden.

Auch wenn die Elementen-Psychologie mit dieser Methode weit hinter den Erfahrungen zurückbleibt, die sich in alltäglichen Lebenszusammenhängen beobachten lassen, handelt es sich dabei doch immerhin um eine wissenschaftliche Methode. Das Isolieren und Zusammensetzen klein-seelischer Elemente entspricht dem Versuch, die Phänomene der seelischen Welt aus einer bestimmten Perspektive, nämlich aus derjenigen einfacher, nicht weiter reduzierbarer Teile, noch einmal neu aufzubauen. Die Elementen-Psychologie ist ein bestimmter Standpunkt, von dem aus die Welt des Seelischen betrachtet wird.

Wie jede andere Wissenschaft braucht auch die Psychologie einen solchen Standpunkt, damit sie überhaupt tätig werden kann. Wissenschaft entsteht nicht schon dadurch, dass man Phänomene sammelt und anschließend auszählt oder in Kästchen packt. Eine wissenschaftliche Psychologie beginnt damit, dass man die Wirklichkeit durch eine bestimmte Brille betrachtet und diese Brille so lange aufbehält, bis der wissenschaftliche Blick durch die Phänomene widerlegt wird. I. Kant hat die Wissenschaft einmal als ein Verfahren nach Grundsätzen bezeichnet. Wenn sich über die Grundsätze nicht klar ist, nach denen man vorgeht, kann man nicht den Anspruch erheben, Wissenschaft zu betreiben.

(6) Das Papier, das die acht Professoren im Auftrag der guten Psychologen-Gesellschaft verfasst haben, ist vielleicht gut gemeint, aber es ist keine Psychologie. Weder werden die methodischen Voraussetzungen geklärt, von denen man ausgeht, noch werden überhaupt Fragen gestellt, die bei einer psychologischen Betrachtung der Krise interessant sein könnten. Statt dessen werden Einordnungen und Begriffe übernommen, die vor allem aus den Zusammenhängen der Medizin bekannt sind: vulnerable Gruppen, Stress-Faktoren, Infektionsdynamik, Mortalitätsraten. Die Abwesenheit eines psychologischen Standpunktes wird ersetzt durch die Anbiederung bei der Medizin, der man mit einem umfänglichen Literaturverzeichnis höchste Reverenz erweist.

Weil ein eigener Standpunkt fehlt, kann man streng genommen aber auch nicht von einer „Stellungnahme“ sprechen. Stellungnahme würde ja bedeuten, dass man sich zu einer selbständigen Weltbetrachtung durchringt und nicht einfach wiederkäut, was einem andere Leute vorgesagt haben. Dazu gehört immer auch ein gewisse Portion Wagemut und Risikobereitschaft. Von Professoren und Funktionären, die sich im vergangenen Ruhm ehemals bedeutender Institutionen sonnen, kann man das wohl nicht ohne weiteres erwarten.

Deshalb ist die „Stellungnahme“ der Psychologen-Vereinigungen auch so etwas wie eine Kapitulations- und Bankrotterklärung der Psychologie. Wie viele Aufrufe und Appelle der „guten Gesellschaft“ kommt sie mit viel Pomp und Getöse daher und lenkt gleichzeitig davon ab, wie wenig man eigentlich zu sagen hat. Ähnlich wie die alten Institutionen der Gesellschaft hat sich auch die Psychologie von ihrem eigenen Auftrag verabschiedet und ist unter das Dach derjenigen Institution geschlüpft, zu der es keine Alternative mehr geben soll: Sie hat sich in die Arme der Medizin geworfen und nicht gemerkt, dass sie von einem ideologischen Staatsapparat verschluckt wurde.

 

Link zur Stellungnahme „Kinder in der Pandemie“: https://www.lw.uni-leipzig.de/wilhelm-wundt-institut-fuer-psychologie/arbeitsgruppen/klinische-kinder-und-jugendpsychologie/stellungnahme-zum-thema-kinder-in-der-pandemie?

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