Das Staats-Fest

Das Staats-Fest

Von Michael Ley & Carl Vierboom

(1) Mit den Beschlüssen zu einem „harten“ Lockdown ab dem 16. Dezember wurden auch die Kontaktregeln für die Weihnachtsfeiertage noch einmal verschärft. Die „Lockerungen“, die man den Bundesbürgern zunächst in Aussicht gestellt hatte, wurden wieder zurückgenommen und nur noch Treffen mit vier weiteren Personen zugelassen, die nicht dem eigenen Hausstand angehören. Kinder unter vierzehn Jahren, so heißt es weiter, werden dabei „nicht mitgezählt“.

Die Ausnahme für minderjährige Kinder muss überraschen. Seitdem im Frühjahr für den ganzen Erdball der Ausnahmezustand ausgerufen wurde, werden die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus in erster Linie aus der Perspektive von Virologen und Epidemiologen festgelegt. In dieser Perspektive sind die Belange von Kindern bisher nur wenig berücksichtigt worden. Kinder werden weder als besonders gefährdete Risikogruppe und in letzter Zeit auch nicht mehr als „Superspreader“ betrachtet. Wenn die Tests bei ihnen Spuren des Virus nachweisen, werden sie einfach den offiziellen Statistiken zugeschlagen.

Hat die Bundesregierung vor Weihnachten auf einmal ihr Herz für Kinder und Familien entdeckt? Hat sie sich entschlossen, nun endlich auch auf die Mahnungen der Kinderärzte zu hören, die in der Vergangenheit immer wieder auf die problematischen Folgen der Corona-Politik gerade für die Kleinsten hingewiesen haben? Oder zielt die Maßnahme in Wirklichkeit auf die älteren Jugendlichen, die man daran hindern will, sich im Anschluss an die Familienfeierlichkeiten im Kreise ihrer Freunde zu treffen? Müssen wir der Regierung also dankbar dafür sein, dass sie das Fest rettet und die Bevölkerung zugleich vor dem Virus?

(2) Schon im eigenen Interesse regelt jede Gesellschaft das Verhältnis zur nachwachsenden Generation. Sie muss die Kinder schützen, damit sie nicht über ihre körperlichen und geistigen Möglichkeiten hinaus beansprucht werden, andererseits aber auch die erforderliche Zeit gewinnen, um sich auf die Anforderungen der Erwachsenengesellschaft vorbereiten zu können. Eine Gesellschaft, die sich nicht um den Schutz und die Erziehung ihrer Kinder kümmert, setzt ihre Zukunft aufs Spiel.

Die gesetzlichen Regelungen, in denen über die Schutz- und Beteiligungsrechte der Kinder entschieden wird, sind einigermaßen kompliziert. Meistens kommt hier ein gestuftes System zur Anwendung, in dem genau festgelegt wird, ab welchem Alter Kinder oder Jugendliche als geschäftsfähig, strafmündig oder grundrechtsfähig angesehen werden können. Die Altersgrenzen entscheiden darüber, ab welchem Zeitpunkt eine Person als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft mit den umfassenden Rechten und Pflichten eines Staatsbürgers gelten kann.

Das Alter von 14 Jahren scheint dabei ein besonderer Wendepunkt zu sein. Es war beispielsweise in der Antike der Zeitpunkt, zu dem ein römischer Bürger voll rechtsfähig wurde. Im Mittelalter war die Zeit zwischen sieben und vierzehn Jahren auch die Zeit, in der die Jungen irgendeine Form von Ausbildung zu absolvieren hatten. In vielen Kulturen wird die Heiratsfähigkeit bei Jungen mit vierzehn Jahren, bei Mädchen mit 12 Jahren angesetzt. Häufig endet in diesem Alter auch die Vormundschaft der Ursprungsfamilie und wird durch den Einfluss größerer gesellschaftlicher Einheiten ersetzt.

(3) Das Alter von 14 Jahren spielt auch im Hintergrund der Weihnachtsgeschichte eine bedeutsame Rolle. Es ist unter dem römischen Kaiser Augustus das Alter, in dem die männlichen Mitglieder eines Haushaltes tributpflichtig wurden und eine vom römischen Staat festgelegte Kopf- und Grundsteuer zu entrichten hatten. Da die Römer es in dieser Sache immer auf dem Laufenden sein wollten, mussten die Einwohner des Riesenreiches in regelmäßigen Abständen vor den Steuerbeamten erscheinen und ihre Vermögensverhältnisse offenlegen. Anscheinend war diese Registrierung gerade in unruhigen Provinzen häufig von brutalen Verhören begleitet (Stegemann 1995).

Die Weihnachtsgeschichte stellt die Volkszählung als einen Akt des Staates dar. Sie macht deutlich, dass es bei dem Zählen und Registrieren darum geht, die Menschen in ihrem Verhältnis zum Staat zu definieren. Das Eintreiben der Steuern und die dazu notwendige Einrichtung eines Melderegisters weist allen Einwohnern des Reiches eine Rolle jenseits familiärer, regionaler oder religiöser Herkunft zu und macht aus ihnen Bürger oder Rechtsträger des römischen Staates.

Im Grunde bedeutet der staatliche Zensus daher auch mehr als eine bloße Aktualisierung des Bürgerverzeichnisses. Die Volkszählung ist ein Einbinden und Einfügen in das überpersönliche System einer Gesellschaft. Beim Zählen geht es darum, den einzelnen in die Welt der administrativen Planung, der wirtschaftlichen Berechenbarkeit und des politischen Kalküls zu stellen. Der staatliche Zensus bedeutet dem Einzelnen: Wir haben dich gezählt, gesehen und erkannt. Ab sofort binden wir dich in die Pläne unseres Gemeinwesens ein.

(4) Die Faszination der Weihnachtsgeschichte beruht darauf, dass sich innerhalb der großen Erzählung, die von der Geschichte des römischen Reiches handelt, noch eine andere Erzählung entfaltet. Diese zweite Geschichte beginnt in kleinen, unauffälligen Verhältnissen, sie hat aber ein solche Macht, dass sie schließlich das Riesenreich der Römer zum Einsturz bringt.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht deshalb auch nicht ein erwachsener Mann oder ein rechtsfähiger Bürger, sondern ein neugeborenes Kind. Es ist das Kind, das die Politiker und Staatenlenker nicht auf der Rechnung haben und in ihren Planungen nicht „mitzählen“ – was auch damit zu tun hat, dass mit jedem Neugeborenen selbst die akkurateste Statistik sofort überholt wird. In dem Moment, in dem ein Kind zur Welt gekommen ist, stimmt die Rechnung nicht mehr; das Zählen wird außer Kraft gesetzt. Man kann zwar fortlaufend richtig zählen, aber kommt doch fortlaufend zu einem unrichtigen Ergebnis.

Eigentlich steht jedes Kind für das Ende des Zählens und den Beginn einer neuen Zeit-Rechnung. Kinder sind sozusagen zahl-los. Sie stehen für das Gewimmel der Wirklichkeit, das sich nicht endgültig fassen lässt, für das menschliche Leben, das immer wieder neu beginnt, für die Welt der Verwandlung, die sich nicht aufhalten lässt und vor der sich selbst die mächtigsten Herrscher fürchten müssen.

(5) Die Welt der Zahlen und Statistiken, von der die Weihnachtsgeschichte berichtet, bestimmt den Alltag in Deutschland seit beinahe einem ganzen Jahr. Kein Tag vergeht, an dem nicht gezählt und neue statistische Parameter in Anschlag gebracht werden: Infektionszahlen, R-Werte, Inzidenz-Kurven. Es sind Zahlen, die die Losungen für den einzelnen Tag und für die umfassende Politik der Gesellschaft ausgeben.

Wie es in der Weihnachtsgeschichte erzählt wird, haben auch wir in diesem Jahr begonnen, den ganzen Erdkreis einem umfassenden Zensus zu unterwerfen. Die Bevölkerung der einzelnen Nationen, Staaten und Erdteile sind in Infizierte und Nicht-Infizierte, in Erkrankte und Genesene eingeteilt worden. Wir haben die Landkreise, Städte und Gemeinden mit ihren jeweiligen Infektionszahlen und Inzidenzwerten erfasst und den Grad der Gefährdung markiert. Seit dem Frühjahr ist, für alle sichtbar, eine riesige Volkszählung im Gange.

Leider führt das dauernde Zählen jedoch nicht dazu, dass die Menschen Zuversicht und Hoffnung verspüren. Es ist vielmehr so, dass die Menschen um so verzweifelter werden, je mehr gezählt wird. Solange die Zahlen nach oben zeigen, glauben wir nur noch in einer bestimmten Weise handeln zu können. Weil wir so viel zählen, haben wir Angst davor, etwas zu riskieren, was sich nicht mehr berechnen lässt. Wir haben uns in eine Zahlenwelt hinein manövriert, die sich verselbständigt hat.

(6) Die Welt der Zahlen ist leider auch eine kalte Welt, in der es keinen Platz für die überraschenden und unvorhergesehenen Seiten der Wirklichkeit gibt. Wenn alles berechnet ist, dann ist unser Alltag entzaubert. Die endlosen Statistiken produzieren eine Hoffnungslosigkeit, über der man verzweifeln könnte.

Beim diesjährigen Weihnachtsfest ist diese Hoffnungslosigkeit an allen Stellen mit Händen zu greifen: keine Weihnachtsmärkte, kein Glühwein in der Öffentlichkeit, keine Gottesdienste und keine Gesänge. Wir werden das Fest ohne die Großeltern, ohne Onkel und Tanten, ohne Neffen oder Nichten, auf jeden Fall aber ohne eine größere Anzahl von Verwandten, Freunden oder Bekannten feiern müssen.

Vielleicht werden stattdessen unsere virtuellen Freunde aus den Netflix-Serien zu Besuch kommen und sehr wahrscheinlich wird auch sehr viel Alkohol fließen, damit wir nicht sehen müssen, wie einsam und verlassen die Welt geworden ist. Wenn wir wieder nüchtern sind, werden wir vielleicht merken, dass noch etwas anderes fehlt: nämlich das Kind, das einmal den Sinn des Weihnachtsfestes ausgemacht hatte.

(7) Die Kinder werden nicht mitgezählt, hat die Bundesregierung beschlossen. Sie handelt dabei wie alle Regierungen vor ihr: Sie hat die Kleinen, die ihr gefährlich werden könnten, nicht auf der Rechnung. Kinder können „zahllos“ kommen, aber der Staat kann sie erst wahrnehmen, sobald er sie in ihrer Staatsbürgerrolle registriert hat. Bevor sie 14 sind, stören sie nur die Pläne der Herrschenden.

Mit dem Ausschluss der Kinder wird allerdings auch das Weihnachtsfest halbiert. Die Regierung tut gleichsam so, als ließe sich nur die eine Hälfte der Weihnachtsgeschichte erzählen: nämlich die Hälfte, in der von der politischen Kaste die Rede ist, die den ganzen Erdball unter ihre Herrschaft zu bringen versucht. Die andere Hälfte, in der erzählt wird, wie ein schwaches Kind diese Macht herausfordert, wird dagegen unterschlagen.

Deshalb bedeutet es auch nur scheinbar einen Akt von Großzügigkeit, wenn die Regierung ihren Bürgern erlaubt, das Weihnachtsfest wie in jedem anderen Jahr zu feiern. In Wirklichkeit dürfen wir dieses Fest nur unter den Bedingungen feiern, die der Staat uns vorschreibt. Wir müssen umständlich rechnen, zählen und sortieren, damit wir wissen, wer von unseren Verwandten dabei sein kann; wir müssen uns möglichst schon sieben Tage vorher in eine „Schutzwoche“ begeben, damit jede „Infektionsgefahr“ aus der Familie vertrieben wird; wir dürfen unsere Geschenke anstatt vom Weihnachtsmann nur von zertifizierten Lieferanten empfangen; wir werden angehalten, auch über die Weihnachtstage mit einem Ohr den Verlautbarungen der amtlichen Regierungsstellen zu folgen.

Weil die Entscheidungen der Regierung im Gewande der Großzügigkeit daherkommen, sind die darin enthaltenen Gewalttätigkeiten nicht leicht zu erkennen. Wenn man genauer hinschaut, dann wird jedoch deutlich, dass uns der Staat in diesem Jahr dazu auffordert, das Weihnachtsfest in ein Staats-Fest zu verwandeln. An die Engel der Verkündigung glauben ohnehin nur noch wenige, aber an seine Stelle tritt jetzt endlich der Sprecher des RKI; statt von Ochsen und Eseln wird die heilige Familie von den Mitgliedern der Leopoldina bewacht; und im neuen Jahr erwarten uns nicht die Geschenke der Heiligen Drei Könige, sondern die Impfstoffe der Firmen Pfizer, Curevac und Biontech.

(8) Das Weihnachtsfest, wie wir es in seiner modernen Form kennen, ist eine Erfindung des Biedermeier. Es ist, gerade in seiner verkitschten und kommerzialisierten Form, als Gegengewicht zum Vernunft-Glauben der Aufklärung und des Rationalismus entstanden und entspricht der Sehnsucht der Menschen nach einer nicht-alltäglichen, wunderbaren Verwandlung. Weil wir ohne die Hoffnung auf eine solche Verwandlung nicht leben und überleben können, hat das Weihnachtsfest seinen Siegeszug gerade auch in den Staaten gefeiert, die sich für den Rest des Jahres dem scheinbar bloß rationalen Wirtschaften und Produzieren verschrieben haben (vgl. Hauschild 2012).

In den 200 Jahren, in denen wir das bürgerliche Weihnachtsfest feiern, haben ihm Kriege, Naturkatastrophen oder politische Gewaltherrschaft nichts Entscheidendes antun können. Wir sind die erste Generation, die daraus eine staatlich sanktionierte und regulierte Veranstaltung macht und fest entschlossen ist, nur ein halbes Weihnachtsfest zu feiern. Wir sind die erste Generation, die Weihnachten ohne das Kind feiert, für das es einmal erfunden wurde.

Es könnte allerdings sein, dass eine Gesellschaft, die das Weihnachtsfest verstaatlicht hat, zu einer sterbenden Gesellschaft geworden ist. Eine solche Gesellschaft hat möglicherweise auch den Glauben an ihre Kinder verloren und will nicht mehr darauf hoffen, dass nach ihrer eigenen Wirklichkeit noch etwas anderes kommen kann. Es ist eine Gesellschaft, die sich in Sorge um die Gesundheit selbst dem Tode weiht – und dazu ein Fest feiern muss, bei dem ein Kind beseitigt wird.

 

Hauschild, Thomas (2012): Weihnachtsmann. Die wahre Geschichte. Frankfurt/ Main: Fischer.

Wolfgang Stegemann (1995): Urchristliche Sozialgeschichte. Die Anfänge im Judentum und die Christusgemeinden in der mediterranen Welt. Stuttgart u.a.: Kohlhammer.

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