Das Familien-Fest

Das Familien-Fest

(1) Kurz vor Weihnachten standen viele Familien mit ihren Autos im Stau. Ursache war in den meisten Fällen allerdings nicht der Reiseverkehr in die Wintersportgebiete, sondern der Andrang vor den in Städten und Gemeinden hastig eingerichteten Corona-Testzentren. Familien, Paare und Singles wollten sicher gehen, dass sie sich nicht mit dem ansteckenden Virus infiziert hatten, bevor sie zu Verwandten und Bekannten aufbrachen, um mit ihnen Weihnachten zu feiern.

Die Furcht vor der Verbreitung des Virus war durch Meldungen über weiter steigende Infektionszahlen befeuert worden. Trotz des Lockdowns waren die Inzidenzwerte nicht gesunken, während die Anzahl der dem Virus zugeschriebenen Todesfälle immer noch anstieg. In einigen Regionen der Republik hatten sich bedenkliche Entwicklungen eingestellt, über die in den Medien laufend berichtet wurde. Die Nachrichten erinnerten an die eindringlichen Bilder, die zu Beginn der Pandemie aus Italien gesendet worden waren.

Die erneute Verschärfung der Maßnahmen zur Eindämmung des Virus sorgte ebenfalls für ein Gefühl der Unsicherheit. Der Einkauf im Supermarkt war jetzt mit der Pflicht verbunden, bereits auf dem Parkplatz eine Gesichtsmaske anzulegen. Die Anzahl der Einkaufswagen wurde reduziert, damit die amtlich festgelegte Höchstzahl der Kunden nicht überschritten werden konnte. Auf öffentlichen Plätzen, in Parkanlagen und sogar in Waldgebieten konnte man immer mehr Menschen mit Gesichtsmasken antreffen. Am Jahresende hatte sich die Angst vor dem Virus so festgesetzt, dass sie niemand mehr ignorieren konnte.

(2) Die Bürger des Landes waren schon Wochen vor dem Fest darauf vorbereitet worden, dass sie Weihnachten nicht unter den üblichen Bedingungen feiern würden. Anfang Dezember hatte die Regierung Kontaktsperren erlassen, die auch über die Feiertage nur unwesentlich gelockert werden sollten. Familienfeiern im großen Kreis wurden ebenso verboten wie Treffen außerhalb der Familien. Es gab Beschränkungen, die die Zahl der Familienmitglieder ähnlich regulierten wie die Anzahl der Einkaufswagen in den Supermärkten: Wenn eine bestimmte Grenze überschritten war, durfte niemand mehr dazukommen.

Aber auch die Familien selbst erließen inoffizielle Kontaktsperren und Besuchsregeln. In jeder Familie gab es mindestens eine Person, die zu den sogenannten vulnerablen Gruppen gehörte, weil sie entweder die achtzig überschritten hatte oder von Vorerkrankungen gezeichnet war. Allen Familienmitgliedern war klar, dass man sich diesen Personen nur unter besonderen Vorsichtsmaßnahmen nähern konnte. Es soll Familien gegeben haben, in denen man auch am Weihnachtsabend mit Gesichtsmasken unter dem Baum zusammengesessen hatte.

Andererseits gab es in jeder Familie Personen, die wegen ihrer beruflichen oder privaten Lebensweise im Verdacht standen, das Virus in den Kreis der Familie einzuschleppen. Dazu zählten beispielsweise Lehrkräfte, Ärzte oder Kassierer, die täglich Kontakt zu sehr vielen Menschen hatten, aber auch Jugendliche, die das Partyverbot nicht so ernst nahmen oder Väter und Mütter aus Scheidungsfamilien, die einen neuen Partner kennengelernt hatten. Manchmal genügte die Nachricht, dass in der Nachbarschaft oder im Kollegenkreis ein positives Testergebnis gemeldet wurde, um den Betreffenden als potentiellen Virenträger zu markieren.

(3) Im Grunde verhielten sich die Familien genau so, wie sich auch die Geschäfte, Betriebe, Unternehmen und Schulen im Lande verhielten. Sie übernahmen das amtliche Bild des Virus und fertigten davon eine Kopie für das eigene Familiensystem an. Auf einmal begannen auch die Familien, Besuchsregeln einzurichten, Hygienekonzepte auszuarbeiten oder von jedem Besucher ein Testat zu verlangen, das seine medizinische Unbedenklichkeit bescheinigen sollte.

Ähnlich wie in der übrigen Gesellschaft hatten diese Maßnahmen aber nicht nur den Sinn, die Alten und Kranken zu schützen. Die Schutzmaßnahmen waren immer auch mit dem Ausschluss derjenigen Personen verbunden, von denen man annahm, dass von ihnen eine Infektionsgefahr ausgehen könnte. Gerade vor Weihnachten fand in den Familien eine lang anhaltende und für viele Familienmitglieder schmerzvolle Diskussion darüber statt, wer als medizinisch unbedenkliche Person oder als „Superspreader“ zu gelten hatte, vor dem man sich schützen musste.

In vielen Familien führte diese Diskussion dazu, dass das Weihnachtsfest nur noch in einem kleinen, eng definierten Kreis gefeiert wurde. Der in anderen Jahren übliche Austausch im Rahmen eines größeren Kreises war ja schon durch die Auflagen der Regierung verboten worden. Die Familien interpretierten diese Auflagen jedoch so, dass nur noch ein Familien-Kern zusammenkam, von dem man annahm, dass er gegen fremde Eindringlinge geschützt war. Die Familien konstituierten sich als ein geschlossenes System, das sich gegen die Bedrohung durch einen gefährlichen Fremdkörper abzuschirmen suchte.

Merkwürdigerweise richtete sich die Angst vor einer solchen Ansteckung jedoch nicht gegen einen äußeren Fremdkörper, sondern gegen eine Gefahr, die von innen kam. Es waren ja die eigenen Familienmitglieder, die plötzlich zu Fremdlingen wurden und vor denen man sich zu fürchten begann. Es war so, als ob sich in den Familien selbst ein Element eingenistet hätte, das den Familienverband zu zerstören suchte. Die Familien fingen an, sich vor sich selbst zu fürchten.

(4) Tatsächlich hatten die Ängste in den Familien schon in den Jahren vor der großen Krise unmerklich zugenommen. Viele Familien fühlten sich von den Aufgaben überfordert, die ihnen die moderne Kultur abverlangte. Familie, das war längst nicht mehr die traditionelle Kernfamilie aus Vater, Mutter, Kind, sondern das konnte sehr viele unterschiedliche Gestalten annahmen, die von der Mutter-Kind-Einheit bei den alleinerziehenden Müttern bis zur vielköpfigen Patchwork-Familie reichten.

Gleichzeitig war das Familienleben zwischen allen möglichen Entwicklungs-, Hilfs- und Ergänzungsangeboten ausgespannt. Nicht nur Mütter oder Väter mussten einen Weg finden, Familie, Beruf und Freizeit unter einen Hut zu bringen, sondern auch die Kinder reisten zwischen den Betreuungsangeboten von Schule, Sport- und Musikvereinen, Logopäden, Psychologen und nicht zuletzt den Großeltern hin und her.

Das alles war einerseits mit einem ungeheuren Aufwand an Planung und Koordination verbunden: die moderne Familie musste verwaltet werden wie ein kleines Wirtschaftsunternehmen. Das machte die Familiensysteme aber andererseits auch anfällig für sehr weitreichende Störungen. Wenn nur ein Mitspieler ausfiel, dann brach das ganze Gefüge auseinander.

Ähnlich wie andere Institutionen der Gesellschaft waren auch die Familien psychische Gebilde, die bis zum Zerreißen angespannt waren. Sie waren gekennzeichnet durch Perfektionszwänge und Überforderungen, die nur wenig Zeit ließen für ein geduldiges Aushalten, Zulassen und Verstehen von Entwicklung. Statt dessen wurden viele Familien von der Vorstellung beherrscht, es stünden ihnen alle Möglichkeiten offen und sie müssten sich jeden Tag neu erfinden.

(5) Eigentlich wäre es notwendig gewesen, diese Überforderungen zu thematisieren und darüber nachzudenken, wie Familie und Erziehung in unserer Gesellschaft funktionieren könnten: was Eltern-Sein bedeutet; was dazu gehört, mit einem Partner zusammenzuleben; welche Ansprüche man stellen kann und welche Opfer man bringen muss; aber auch, was schön sein kann, wenn man in einer Familie zusammenlebt usw.

Eine solche Diskussion hat aber nicht stattgefunden. Statt dessen kam das Virus und mit ihm die Angst. Von einem Tag auf den anderen sahen sich die Familien abgeschnitten von den vielfältigen Stützsystemen, ohne die der hektische Familienbetrieb nicht in Gang kommen und unterhalten werden konnte. Ohne Schulen, Sportvereine und den Kontakt zu den Großeltern war das Bild der vielseitig begabten und wandlungsfähigen Familie plötzlich hinfällig geworden.

Psychologen wissen, dass es in einer solchen krisenhaften Situation kaum eine Chance gibt, sich auf das zu besinnen, was wirklich wichtig ist. Tatsächlich stellte sich dann auch etwas ein, was an die schwierige Situation nach einer Familiengründung erinnerte. Alte Wunden und Verletzungen brachen auf, Vorwürfe und Schuldgefühle wurden hin und her geschoben, die Anzahl der Konflikte und der Trennungen nahm zu. Die Familien drohten sich immer mehr in einen Zustand hineinzumanövrieren, der Merkmale eines „Durchdrehens“ annahm.

(6) Das Weihnachtsfest stellte in gewisser Hinsicht eine Selbstbehandlung dieser Krise dar. Mit dem Virus bekam die Zerrissenheit der Familien und die Angst vor der Zerstörung des Familiensystems eine Repräsentanz in der äußeren Realität. Es drohte jetzt nicht mehr wie vorher die Gefahr, dass der Familienkörper an inneren Widersprüchen zerbrechen könnte, sondern diese Gefahr ließ sich bequem in einem äußeren Eindringling lokalisieren und dadurch von eigenen Betroffenheiten fernhalten.

Gleichzeitig sorgten die amtlich angeordneten Maßnahmen zur Eindämmung des Virus dafür, dass die Reisebewegungen zwischen den verschiedenen Familienmitgliedern, die in den vergangenen Jahren bis an den Rand der Raserei ausgedehnt worden waren, auf die Besuche innerhalb der „Kernfamilie“ eingeschränkt wurden. Erst mit dem Weihnachtsfest wurde spürbar, dass es überhaupt so etwas wie einen „Kern“ der Familie geben könnte, der sich vielleicht über alle Veränderungen hinweg konstant halten ließe. Erst das Virus stellte diesen Kern als etwas heraus, was sozusagen unverwundbar war.

Von besonderer Bedeutung war schließlich auch die „Triage“, die im Vorfeld der Familienbesuche vollzogen wurde und bei der darüber entschieden wurde, wer zum Kern der Familie gehörte und wer nicht. Es wurden nicht nur diejenigen aussortiert, die im Verdacht standen, sich im Umfeld biologischer Infektionsherde aufzuhalten, sondern gleichzeitig auch diejenigen, die als psychische Eindringlinge zu gelten hatten: der Neffe mit der neuen Freundin aus dem Ausland; die Schwester mit ihrem ungeordneten Berufs- und Privatleben; der Partner, der Frau und Kindern untreu geworden war und von dem man nicht wusste, in welchen kreisen er sich in jüngster Zeit aufhielt usw.

(7) Das alles wirkte wie eine großartige Um- und Neukonstruktion des Familiensystems. Weihnachten war ein Anlass, das Bild der Familie neu zusammenzusetzen und die spannungsvollen und widersprüchlichen Seiten dieses Bildes dabei unkenntlich zu machen. Die Überspanntheit, die Zerrissenheit und die fehlende Mitte des Familienlebens sollten durch einen Zustand ersetzt werden, in dem sich alle einig waren und Entzweiungen oder Konflikte nicht mehr ins Bewusstsein dringen konnten.

Leider ließ sich dieses ideale Bild der Familie nur unter sehr großen Opfern verwirklichen. Viele Zusammenkünfte fanden unter der Voraussetzung statt, dass ein persönlicher Kontakt verhindert wurde: etwa, wenn man sich im Internet verabredete oder der Großmutter aus großer Entfernung zuwinkte und ansonsten auf Abstand blieb. Auch die Begegnungen, die unter Einhaltung von Hygieneregeln und Maskenpflichten stattfanden, erinnerten mehr an die Zustände in einem Operationssaal als an eine Familienfeier.

Besonders markant war aber der Umstand, dass sich die Feier fast ausschließlich um die Großeltern drehte und die nachfolgenden Generationen dabei keine oder nur noch eine nachgeordnete Rolle spielen sollten. Oma und Opa waren die Figuren, die am meisten geschützt und auf keinen Fall in Gefahr gebracht werden durften. Sie waren aber natürlich auch diejenigen Figuren, auf die gerade Familien mit Kindern am meisten angewiesen waren: ohne die regelmäßige Hilfe und Unterstützung durch die Großeltern konnte keine moderne Familie existieren.

Die Großeltern waren ohne Zweifel die heimlichen Gewinner der Weihnachts-Triage. Unter Verweis auf die besondere Anfälligkeit der älteren Risikogruppen hatte man der Kinder- und Enkelgeneration die Angst vor dem Virus eingeimpft und sie damit zugleich gefügig gemacht. Aus Rücksicht auf die Großeltern mussten die Kinder ihren Anspruch auf die Gestaltung eines eigenen Familienlebens aufgeben und den Umstand verleugnen, dass die Familiengeschichte immer auch eine Abwandlung und Veränderung der ursprünglichen Kernfamilien darstellt. Sie mussten so tun, als ob es diese Geschichte nicht gäbe und als ob die „Kernfamilie“ in ihrer ursprünglichen Gestalt ewig weiterleben könnte.

(8) Alles in allem wurde es dann doch ein schönes Weihnachtsfest. Diejenigen, die dazu ausersehen waren, sich innerhalb der Kernfamilie zusammenzufinden, haben sehr viele Geschenke ausgetauscht und ebenso viel gegessen und getrunken. Diejenigen, die nicht eingeladen waren und daneben standen, haben ebenfalls viel gegessen und getrunken. Darunter gab es einige, die sich nach dem Fest fragten, warum sie sich auf einmal so furchtbar müde und traurig fühlten.

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