Corona-Schule: Krisenbilanz

Corona-Schule: Krisenbilanz

(1) Das ifo-Institut in München hat eine Literaturstudie vorgelegt, in der die Folgekosten der Schulschließungen abgeschätzt werden. Dabei wird vor allem auf künftige Minderungen des Lebenseinkommens verwiesen, die den Absolventen durch ein reduziertes Qualifizierungsniveau entstehen werden. Schon bei Schulschließungen, die lediglich ein Drittel des Schuljahres umfassen, droht künftigen Beschäftigten über das gesamte Berufsleben hinweg ein um drei bis vier Prozent vermindertes Erwerbseinkommen.

Hausbesitzer, die zur Finanzierung ihrer Immobilie einen Kredit aufnehmen, informieren sich in der Regel darüber, welche Auswirkungen bereits minimale Unterschiede im Zinsniveau auf die Höhe der Zinszahlungen haben können. Auch bei den Berechnungen des ifo-Institutes kommen je nach Berufs- und Einkommensniveau recht ansehnliche Summen zusammen. In der Studie wird schon bei einer dreimonatigen Schulschließung für Personen mit Universitätsabschluss ein Einkommensverlust von ca. 30.000 Euro angegeben.

Allerdings handelt es sich bei den Zahlen der ifo-Studie bisher lediglich um hypothetische Berechnungen. Der Rechenansatz ist dadurch gekennzeichnet, dass die Kosten der Corona-Krise auf einen sehr langen Zeitraum gestreckt und auf den einzelnen Schüler oder Erwerbstätigen umgelegt werden. Dadurch geraten die Gesamtkosten, die für den Unterhalt des Bildungssystems bereits jetzt anfallen, eher in den Hintergrund.

(2) Die wenigsten Menschen, die mit der Schule zu tun haben, machen sich klar, dass es sich dabei um eine gesellschaftliche Großorganisation handelt, deren Unterhaltung täglich riesige Summen verschlingt. Rund siebzig Milliarden geben Bund, Länder und Kommunen in jedem Jahr für die Schulen aus, davon fallen etwa 80 Prozent für Personalkosten an. Die Eltern steuern noch einmal zwischen sechs und 7 Milliarden Euro als jährliche Beiträge für Nachhilfe und Lernmittel hinzu.

Siebzig bis achtzig Milliarden Euro sind eine stattliche Summe. Der Umsatz des Bayer Konzerns beläuft sich nach offiziellen Angaben auf gerade einmal 47 Mrd. Euro, der von SAP auf 27,5 Mrd. In der Liste der umsatzstärksten deutschen Dax-Unternehmen würde das Schulsystem auf dem fünften oder sechsten Platz rangieren. Zählt man die Ausgaben für das Hochschulsystem hinzu, käme der Bildungsetat der Bundesrepublik hinter Mercedes und Volkswagen bereits auf den dritten Platz.

Mit den Schulschließungen werden die enormen Ausgaben für das Schulsystem nicht einfach eingefroren. Obwohl Schulgebäude leer stehen, Schüler und Lehrkräfte zu Hause bleiben müssen, Klassenarbeiten nicht geschrieben werden und Prüfungen ausfallen, müssen Gehälter weiter bezahlt, Gebäude instandgehalten, Versorgungsverträge erfüllt werden. Genauso wenig wie die Deutsche Telekom, die Wasserwerke oder die Polizei kann die Schule ihren Betrieb einfach einstellen. Sie ist auf Dauerwirkung und deshalb auch auf Dauerbetrieb angelegt.

(3) Eine Berechnung der Gesamtkosten, die unmittelbar durch den Lockdown entstanden sind, ist für den Schulbetrieb bisher noch nicht vorgelegt worden. Dabei wäre eine solche Berechnung recht einfach. Bei einem Gesamtvolumen von grob gerechnet 80 Mrd. Euro würde jeder Monat, in dem der Unterricht nicht stattfindet, mit fast sieben Mrd. Euro zu Buche schlagen. Nimmt man zusätzlich an, dass bis zu 8 % der Lehrkräfte zu den Risikogruppen gezählt werden und offiziell von Unterrichtverpflichtungen befreit sind, würde auch der nun wieder aufgenommene Schulbetrieb den Staat in jedem Monat eine dreistellige Millionensumme kosten, ohne dass dafür entsprechende Gegenleistungen erbracht werden.

Statistiker und Volkswirte könnten sicher noch genauere Zahlen vorlegen. Auch auf der Grundlage vorläufiger Berechnungen wird aber deutlich, dass unsere Gesellschaft sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein Riesenunternehmen leistet, das jeden Monat Unsummen verschlingt, obwohl es zu großen Teilen im Leerlauf gefahren wird. Wenn hier nicht rechtzeitig gegengesteuert wird, besteht durchaus die Gefahr, dass daraus in Zukunft das größte Zombie-Unternehmen der Bundesrepublik werden könnte.

Wößmann, Ludger (2020): Folgekosten ausbleibenden Lernens: Was wir über die Corona-bedingten Schulschließungen aus der Forschung lernen können. München: ifo-Institut. Verfügbar unter: https://www.ifo.de/DocDL/sd-2020-06-vorab-woessmann-corona-schulschliessungen.pdf [25.05.2020].

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