Corona-Schule: Kontaktsperre

Corona-Schule: Kontaktsperre

(1) Wenn es um die Schule geht, ist es immer gut, die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen. Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte oder Eltern können am ehesten etwas über die Wirkungen sagen, die die verschiedenen Maßnahmen im Umfeld der Schule hervorrufen. Die Perspektive der Akteure bietet häufig ein ganz anderes Bild vom Alltag in der Schule, als es in den Planungswelten der Politiker entworfen wird.

Leider hat man zum Thema Corona bisher erst wenige Stimmen aus dem direkten Umfeld der Schule aufgegriffen. Ministerien, Schulämter und Lehrerkollegien sind zurzeit vollauf damit beschäftigt, die technischen Voraussetzungen für den veränderten Schulbetrieb zu schaffen, Schutzmaßnahmen einzurichten und Ordnungsregeln zu formulieren. Was das alles mit denjenigen anstellt, die unter diesen Bedingungen zur Schule gehen müssen, darüber wissen wir bisher erst sehr wenig.

Eine Ausnahme findet sich in einem Beitrag der FAZ vom 18.05.2020, in der das Gespräch mit einer Schülerin abgedruckt ist, die nach dem Lockdown zum ersten Mal wieder die Schule besucht. Die Schülerin berichtet von den vielen kleinen Veränderungen, die im Zuge der Corona-Krise getroffen wurden: Tische und Stühle auf Abstand; Maskenpflicht beim Gang durch den Klassenraum; eine Lehrerin, die während des Unterrichts nicht mehr hinter ihrem Schreibtisch hervorkommt oder sich ebenfalls maskieren muss, bevor sie durch die Reihen geht.

Was die Schülerin am meisten vermisst, das ist der unmittelbare Kontakt zu ihren Banknachbarn. Sie klagt darüber, dass sie nicht mehr mit anderen Schülern tuscheln, dass sie nicht um einen Stift bitten oder sich über Arbeitsaufträge verständigen kann. In der Corona-Schule bleiben die Schüler von Austausch und Kommunikation mit ihren Mitschülern isoliert. Sie erleben sich viel stärker als früher auf ihren Platz gebannt und vom Kontakt mit anderen Menschen abgeschnitten.

(2) Wir dürfen die Rolle von Austausch und Kommunikation für das Unterrichtsgeschehen nicht unterschätzen. Das Lernen ist keine ausschließlich geistige Angelegenheit, die nur im Kopf stattfindet. Einsicht und Verstehen gründen im Austausch von Worten, von Blicken und Dingen. Ohne den Tausch von Stiften, Radiergummis, Taschenrechnern, Heften oder Büchern kommt das Lernen nicht von der Stelle.

Das hat auch damit zu tun, dass wir über das Tauschen die Möglichkeit gewinnen, uns mit fremden oder neuen Welten bekannt zu machen. Beim Lernen sind wir eigentlich ständig dabei, den eigenen, vertrauten Standpunkt gegen andere Sichtweisen und Perspektiven auszutauschen: das Rechnen mit den Fingern gegen das Rechnen am Zahlenstrahl, die Muttersprache gegen die erste und die zweite Fremdsprache, den Blick der Eltern gegen den der Lehrer.

Geben und Nehmen macht unseren Alltag reicher und beweglicher. Es zeigt uns nicht nur, was die Wirklichkeit zu bieten hat, sondern es bringt uns auch in neue und andere Entwicklungen hinein. Der Austausch ist der Entwicklungsmotor des Lernens. Ohne die Möglichkeit des Austauschs würden wir seelisch verarmen und verkümmern.

(3) „Es war nicht mehr so richtig eine Schule“, meint die Schülerin. Die Aussage lässt erkennen, wie dramatisch die Eingriffe sind, die im Zuge der Corona Krise vorgenommen werden. Es geht hier nicht nur um die Einrichtung technischer Schutzmaßnahmen. Es ist vielmehr so, dass der ganze Rahmen der Schule umgebaut wird.

Wenn wir gezwungen werden, Abstand zu halten, wird auch das Lernen unendlich mühsamer und letztlich vielleicht sogar unmöglich gemacht. Es ist jedenfalls zu bezweifeln, ob der amtlich verordnete Luft-Austausch, der alle 30 Minuten durch das Öffnen von Fenstern oder Türen zu erfolgen hat, den seelischen Austausch ersetzen kann, der für das Lernen so wichtig ist.

Fritzen, Florentine: Es war nicht mehr so richtig eine Schule. Interview mit einer Fünftklässlerin zum Unterricht während Corona-Krise. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.05.2020. Verfügbar unter: https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/interview-mit-einer-fuenftklaesslerin-zum-unterricht-waehrend-corona-krise-16776196.html [25.05.2020]

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