ABI 21

Abi 21: Auflösung des Generationenvertrags

(1) Der Denkerclub, so heißt eine Karikatur aus dem Vormärz, mit der die Zensurmaßnahmen der Metternich-Ära ironisch kommentiert werden. Die Radierung zeigt eine Runde von Gelehrten, die sich zum Gespräch um einen Tisch versammelt haben. An der Wand hängt eine Tafel, auf der das Thema der aktuellen Sitzung notiert ist: „Wie lange möchte uns das Denken wohl noch erlaubt bleiben?“

Auf der Tafel daneben finden sich die „Gesetze des Denkerclubs“. Wir erfahren, dass das Schweigen das erste Gesetz der gelehrten Gesellschaft darstellt und die zu verhandelnden Gegenstände ausschließlich durch gründliches Nachdenken zu erörtern sind. Um dieser Vorschrift zu entsprechen und der Versuchung zu widerstehen, an irgendeiner Stelle vielleicht doch in heftigen Disput zu geraten, sollen allen Mitgliedern beim Eintritt Maulkörbe verpasst werden.

Tatsächlich zeigt die Karikatur die anwesenden Gelehrten dann auch in angestrengtes Nachdenken vertieft. Sieht man einmal von einem Teilnehmer ab, der gestikulierend die Hand erhebt, lässt die Haltung der Wissenschaftler nur noch einen Rest von emotionaler Beteiligung erkennen. Die meisten sitzen starr und unbewegt auf ihren Plätzen und blicken mit leerem Ausdruck in den Raum. Zuwendung oder Austausch mit den Anwesenden lassen sich nicht erkennen.

Die Gelehrten sind gefesselt von den vielen Vorschriften, die über der Versammlung schweben – und die in den Maulkörben gipfeln, die sich die Teilnehmer freiwillig angelegt haben. In der Karikatur sehen diese Maulkörbe aus wie Kopfverbände, die nach einer Gehirn-OP getragen werden müssen. Die staatlichen Vorschriften haben sich nicht nur tief in die Geisteshaltung der Menschen, sondern auch in ihren Körper eingegraben.

(2) Am vergangenen Freitag haben in NRW die schriftlichen Abiturprüfungen begonnen. Aus Furcht vor dem Virus werden die Prüfungen an vielen Schulen nicht mehr in den Kurs- und Klassenräumen durchgeführt, sondern sie sind in Turnhallen verlegt worden, wo die vorgeschriebenen Mindestabstände eingehalten werden können. Die Schülerinnen und Schüler sitzen allein an ihren Tischen, haben die von einer regierungsamtlichen Stelle vorbereiteten Prüfungsaufgaben vor sich liegen und dürfen, wie das in Prüfungen üblich ist, in keiner Weise mit ihren Mitschülern Kontakt aufnehmen.

Von den Behörden ist die Vorschrift erlassen worden, dass die Abiturienten während des gesamten Prüfungszeitraums Gesichtsmasken zu tragen haben. Sie müssen sich also nicht nur mit dem Stoff befassen, den sie schon im Unterricht der Oberstufe rauf- und runterbeten mussten, sondern zusätzlich noch mit dem „Stoff“, der ihnen über Mund und Nase hängt. Vier bis fünf Stunden konzentriertes Arbeiten hinter einer Gesichtsmaske – das ist selbst schon eine Prüfung. Wer hier ohne Ohnmacht durchhält, der übersteht wahrscheinlich auch die Hitze-Appelle bei der Bundeswehr.

Die eigentliche Prüfung ist aber schon vorher passiert. Bevor den Schülern Zugang zu den Prüfungsräumen gewährt wird, müssen sie entweder einen negativen Corona-Test vorlegen oder einen Selbst-Test vornehmen. Auf Fotos und Videobeiträgen von den aktuellen Abiturprüfungen kann man daher sehen, wie sich junge Erwachsene in aller Öffentlichkeit in der Nase bohren, um Absonderungen aus den Schleimhäuten aufzufangen.

Irgend etwas stimmt an diesen Bildern nicht. Man hat das Gefühl, man zwingt die jungen Menschen in die Regression anstatt zur Reife-Prüfung. Im Jahr 2021 ist das Abitur zum Signum einer staatlichen Einrichtung geworden, die den Nachwuchs der Gesellschaft unter das Corona-Regime zu zwingen versucht. Es wird zum Bild einer entwicklungsfeindlichen Gesellschaft, deren Kontrollzwänge immer absurder geworden sind.

(3) Unsere eigene Abiturprüfung liegt leider schon einige Jahre hinter uns. Trotzdem können wir uns noch sehr gut an die Aufregung und Nervosität erinnern, die uns damals erfasst hat. Prüfungen sind emotional hochbesetzt und niemals geht es dabei nur um die Inhalte, von denen offiziell die Rede ist. Bei Prüfungen stehen immer ganze Lebensentwürfe zur Diskussion.

Wir haben uns damals trotzdem relativ sicher gefühlt. Es gab noch kein Zentralabitur und die Lehrer konnten eigene Themenvorschläge einreichen. Die mussten zwar von einer übergeordneten Stelle genehmigt werden, aber von den fünf Vorschlägen wurden drei garantiert genommen. Eine letzte Gewähr gab es nicht, aber meistens war etwas dabei, auf das man sich besonders vorbereitet hatte: Schillers Wallenstein, Hamlet, der Locarno-Vertrag.

In den drei Jahren Oberstufe hatten die Lehrer den Stoff genauso mit uns gepaukt, wie sie das heute tun. Wenn wir uns richtig erinnern, dann haben wir uns mit ihnen aber heftige Diskussionen geliefert. Zumindest in unseren Lieblingsfächern haben wir uns in Literaturen vertieft, die gerade „angesagt“ waren und mit denen wir die Lehrer auf die Probe stellen wollten. Wir wollten es besser wissen, und manchmal hatten wir auch das Gefühl, wir wüssten es wirklich besser als die Lehrer. Sie haben uns das in der Regel nicht verübelt.

Wir müssen auch zugeben, dass die Lehrer unsere Leistungen gepusht haben. In jedem Halbjahr wurden wir um eine halbe Note nach oben gesetzt. Die Lehrer mussten sich nicht an Kompetenzraster und Einschätzungsbögen halten, sondern konnten selbst entscheiden, wie eine Leistung zu bewerten war. Dabei gingen sie keineswegs willkürlich vor, sondern sie haben uns auf der Grundlage des Unterrichtsgeschehens beurteilt. Es war ihr Stoff und es war unser Stoff. Auch wenn wir nicht einer Meinung waren, hatten wir doch etwas gemeinsam.

Im Abitur ging natürlich auch nicht immer alles glatt. Bei manchen kam das Thema dann doch nicht dran, auf das sie gesetzt hatten, andere haben zu viel oder zu wenig gewagt. Für alle war das Abitur aber ein Einschnitt, ein Wendepunkt. Wir fühlten uns überlegen und beinahe unbesiegbar. Einen Sommer lang hatten wir das Gefühl, die Welt läge uns zu Füßen.

(4) Wir glauben nicht daran, dass es den jungen Leuten heute anders geht. Die Rede von der Biedermeier-Generation ist eine Denunziation der Jungen, die an der psychologischen Wirklichkeit vorbeigeht. Mit Anfang zwanzig wollen und müssen die jungen Menschen leben. Sie wollen Eltern, Lehrer und Schule hinter sich lassen und in die Welt hinaus. Sie wollen die Wirklichkeit noch einmal neu erfinden, nach ihren eigenen Vorstellungen und Überzeugungen.

Wenn man sagt, dass die Jungen die Zukunft einer Gesellschaft sind, dann ist damit gemeint, dass Erfindungen und Entdeckungen nicht im Labor gemacht werden, sondern in der Auseinandersetzung zwischen den alten und den jungen Mitgliedern einer Gesellschaft entstehen. Das Generationenverhältnis ist der Motor einer Gesellschaft. Was die Alten aufbauen, wird von den Jungen in Frage gestellt und nicht selten über den Haufen geworfen. Nur so kann Neues und Zukunftsträchtiges entstehen.

Generation hat von der Wortbedeutung her zu tun mit Erzeugen, Produzieren, Verlebendigen. Aus psychologischer Sicht spricht nichts dagegen, die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft mit den Bedingungen ihre „Generativität“ zusammenzubringen. In der Beziehung zwischen den jungen und den alten Mitgliedern einer Gesellschaft entscheidet sich, welche Produktionen in einer Kultur möglich werden und an welchen Stellen diese Produktionen an eine Grenze kommen.

(5) Wie ist es um die Generativität einer Gesellschaft bestellt, wenn man den jungen Menschen seit mehr als einem Jahr einredet, sie wären eine Gefahr für die Alten? Natürlich sind sie das, denn das sind sie immer. Die Alten haben allen Grund, sich vor den Jungen zu fürchten, denn die Jungen werden die Alten überleben: ihre Eltern, ihre Lehrer, ihre Großeltern.

Und nicht nur das. Die Jungen werden den Alten die Stellen wegnehmen und sie ersetzen: die Ärzte, die Richter, die Politiker, die Künstler, die Wissenschaftler. Sie werden Start-Ups und neue Parteien gründen, neue Häuser, Straßen und Städte bauen und Erfindungen machen, die wir uns heute noch nicht einmal im Traum vorstellen können. In fünfzig oder hundert Jahren wird die Welt, wie wir sie heute kennen, nicht mehr existieren.

Eine humane Gesellschaft, die an das glaubt, was sie selber aufgebaut und hervorgebracht hat, hält den unvermeidlichen Konflikt mit den Jungen aus. Sie muss die Jungen nicht einem Führer opfern oder sie in den Massengräbern der Weltkriege verscharren. Sie muss sie auch nicht einsperren und am Feiern hindern, weil sie selbst Angst vor Veränderung hat.

(6) Vor zwei Jahren haben wir als Ergebnis einer Untersuchung über das Studieren gefunden, dass die Behandlung der jungen Generation den Verhältnissen ähnelt, wie sie in der Truman-Show beschrieben werden. Ähnlich wie in diesem Spielfilm ist auch das Leben an der Bologna-Hochschule in extremer Weise eingeschränkt: Es sind immer dieselben Wege, die begangen werden müssen, immer dieselben Fragen, die gestellt werden dürfen, jeden Tag dieselben Dinge, über die geredet werden darf.

Wir haben in der Studie die These verfolgt, dass die gegenwärtige Verfassung der Hochschulen auch als ein Versuch verstanden werden kann, die Dynamik des Generationenverhältnisses stillzulegen. Der Bologna-Prozess versucht die Entwicklung der jungen Menschen aus der Regiezentrale der europäischen Kommission oder der OECD heraus zu verplanen. Die „Entdeckungen“, die den jungen Menschen zugestanden werden, sollen nicht dazu führen, dass die eigene Geschichte oder die Grenzen der eigenen Kultur erforscht werden. Fragen nach dem Regisseur des Ganzen oder nach der Wirklichkeit, die hinter der Studiokuppel liegt, sind verboten.

Wir hätten uns vor zwei Jahren nicht vorstellen können, dass unsere These durch die Wirklichkeit nicht nur bestätigt, sondern sogar noch übertroffen wird. Seit Corona wissen wir, dass die Gesellschaft dabei ist, aus Angst vor Veränderungen das Leben der eigenen Kinder aufs Spiel zu setzen. Weil die Alten sich vor dem Neuen fürchten, hindern sie die Jungen daran, die Welt zu entdecken. Unsere Kultur beatmet die Alten und sie erstickt die Jungen.

 

Der Denkerclub: Link zur Karikatur

Ley, Michael; Vierboom, Carl (2020): Die verlassene Generation. Studierende ohne Wissenschaft und Religion. Münster: Aschendorff.

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