01.05.21-kw

01.05.21-kw: Über die Entkoppelung der Arbeit und der Arbeiterklasse

Von Michael Ley & Carl Vierboom

(1) Der erste Mai ist der internationale Tag der Arbeit. Er soll an die Kämpfe und die Opfer erinnern, denen wir soziale Sicherheit und Wohlstand verdanken. Renten- und Krankenversicherung, angemessene Löhne, geregelte Arbeitszeiten, Urlaubs- und Feiertage: zu den Errungenschaften der modernen Gesellschaft hat sich der Staat nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit bekannt. Sie sind der herrschenden Klasse in langen, entbehrungsreichen und häufig auch blutigen Kämpfen und Auseinandersetzungen abgerungen worden.

Im öffentlichen Bewusstsein der Deutschen ist die Tradition der Arbeiterkämpfe allerdings so gut wie ausradiert. Nach dem Krieg hat man den ersten Mai zwar zum gesetzlichen Feiertag erklärt. Weil er von den Nazis für die Gleichschaltung der gesellschaftlichen Klassen missbraucht worden war, hat man aber darauf verzichtet, ihn weiterhin als „nationalen“ Tag der Arbeit zu bezeichnen. In NRW ist der erste Mai der „Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde.“

Auch die politischen Parteien sprechen nicht mehr von den Arbeitern und ihrer Klasse. Sie reden lieber von der Weltgesellschaft und sorgen sich ganz allgemein um soziale Teilhabe, Toleranz und Partizipation. Die SPD, die sich in längst vergangenen Zeiten gegen Ausbeutung und Unterdrückung der Arbeiterklasse eingesetzt hatte, ist verantwortlich für Hartz IV und die Riesterrente. Sie ist aus dem Programm einer Arbeiterpartei heraus und in das Geschäftsmodell des Neoliberalismus hineingeraten. Das hat ihrem Ansehen ziemlich geschadet.

(2) Das öffentliche Desinteresse an der Arbeiterklasse hat auch damit zu tun, dass sich die Arbeits- und Produktionsbedingungen in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verändert haben. Die Industrieproduktion ist nicht mehr wie noch in den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit an einen einzigen Standort gebunden, sondern um den ganzen Erdball verteilt. Der offiziellen Erzählung nach liegt nichts und niemand mehr in Ketten. Nur noch die Organisation der Produktionsprozesse braucht ein „Chain-Management“.

Die Arbeiter, die für die Herstellung eines Autos oder Smartphones verantwortlich sind, lassen sich daher nur schwer identifizieren. Man kennt vielleicht noch die Namen einzelner Zulieferer. Betriebe und Belegschaften, die komplett für die Herstellung eines bestimmten Produktes verantwortlich wären, sind in der Welt des globalisierten Kapitalismus aber kaum noch zu finden.

Parallel zur Fragmentierung der Produktionsbedingungen hat sich auch die soziale Lage der Arbeiter verändert. Die Arbeiterklasse hat sich aufgespalten in eine Gruppe mit hoher Qualifikation, relativ gesicherten Beschäftigungsverhältnissen und einigermaßen guter Bezahlung; und in eine andere Gruppe mit wechselnden, schlecht bezahlten und zeitlich befristeten Arbeitsverträgen, in der zu viel Qualifikation nur stört, weil sie mit Ansprüchen, Eigensinn und überflüssigen Empfindlichkeiten verbunden wäre.

Vor allem die sogenannten prekären Arbeitsverhältnisse haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. In den Arbeitswissenschaften ist von einer boomenden „Gig Economy“ die Rede, in der die Arbeiter wie Künstler von einem „Gig“ zum nächsten beschäftigt werden, aber nie wissen, wo sie sich als nächstes verdingen oder was sie unter welchen Bedingungen verdienen werden (Schmidt 2017).

Betroffen waren ursprünglich nur die Mitarbeiter von Zeitarbeitsfirmen. Inzwischen gehören zur Gig- oder Plattform-Ökonomie aber auch die Mitarbeiter von Unternehmen wie Amazon, Uber oder Lieferando. Hinzu kommen Putzkräfte, Handwerker, das Heer der „Freelancer“ in der Medien-, Kreativ- und Unterhaltungswirtschaft. In den USA bieten zunehmend auch Ärzte oder Anwälte ihre Dienste auf Abruf oder „on demand“ an.

Flexible Vertrags- und Beschäftigungsverhältnisse werden von den Unternehmen häufig als Einfallstor für die Umwandlung traditioneller Festanstellungen in Teilzeit- oder Gelegenheitsarbeiten genutzt. Viele Unternehmen steuern ein Geschäftsmodell an, bei dem Arbeitsplatz und Arbeitskraft immer nur von Fall zu Fall miteinander verkoppelt werden. Diesem Ziel haben sich längst auch viele Verwaltungen in öffentlichem Dienst, Forschungsanstalten und Behörden angeschlossen; aus dem Entkoppeln und Ankoppeln von Verträgen hat sich eine ganze Struktur ausgebildet, mit der man nicht nur junge, sondern auch ältere Mitarbeiter in einer Existenz des „Fristens und Befristens“ hängen lässt.

Einerseits verschwinden also die Produktionsbedingungen, wie wir sie aus der Hochzeit der Industriearbeit kennen. Andererseits kommt es zu einer Rückkehr des Systems der Tagelöhner, der Wanderarbeiter und Arbeitssklaven. Was man „Migration“ und „Nomadentum“ nennt, das ist nicht allein das Schicksal von Flüchtlingen, sondern das beschreibt zunehmend auch den Arbeitsalltag vieler Menschen, und sei es nur in Form eines mehrstündigen Pendelns zwischen Wohnort und Arbeitsstelle. Das Home Office bietet für bestimmte Arbeitsverhältnisse sicherlich einige praktische Vorteile. Der Hype darum aber unterschlägt, dass auch diese Form des Arbeitens und der Arbeitsplatzgestaltung Prozesse der Vereinsamung und Entsolidarisierung verstärkt. Es scheint, als bestehe die Zukunft der Arbeit in der Rückkehr zu einer Art Früh- und Raubtierkapitalismus.

(3) Die Flexibilisierung von Arbeits- und Produktionsprozessen findet sich aber nicht nur im Bereich der Industriearbeit. Getrennt, entkoppelt und neu zusammengesetzt werden auch Abläufe und Organisationen in der Verwaltung, die Systeme im Bildungsbereich oder im Gesundheitswesen sowie die Lebensverhältnisse in Familie oder Partnerschaft. Das Re-Engineering durch Entkoppeln ist zu einer umfassenden Sozialtechnologie geworden. Es hat in der postmodernen Gesellschaft zu ungeheuren Verwerfungen geführt.

In Unternehmen, Organisationen und Betrieben ist diese Technologie in der Absicht eingeführt worden, Entscheidungsprozesse zu beschleunigen und Hierarchien abzubauen. Die globale Wirtschaft kann sich kein langes Hin und Her leisten, sondern muss schnell auf jeden Einzelfall reagieren können. Weil Flexibilität zunehmend mit Wohlstand und Fortschritt gleichgesetzt wurde, hat es nicht lange gedauert, bis die neoliberalen Steuerungsmodelle von der öffentlichen Verwaltung übernommen wurden. In den 90ern ging es nicht nur an die Modernisierung der Amtsstuben, sondern auch an die Privatisierung von ehemals staatlichen Dienstleistungen wie dem Post- und Fernmeldewesen oder von Straßen-, Schienen- und Leitungsnetzbetrieben.

Wenig später waren die Schulen und Hochschulen an der Reihe. Den Deutschen wurde eingeredet, dass das traditionelle Bildungssystem nicht mehr in der Lage sei, die nachfolgende Generation für das neue Geschäftsmodell des Kapitalismus zu qualifizieren. Statt von Bildung war fortan nur noch von „Kompetenzen“ die Rede und die Schulung dieser Kompetenzen sollte möglichst schon im Kindergarten beginnen. Das Hochschulstudium wurde „modularisiert“ und in „konsekutive“ Studiengänge aufgeteilt, die inhaltlich nichts mehr miteinander zu tun haben, zumindest theoretisch aber in allen Ländern Europas studiert werden können.

Parallel zu den Institutionen und Systemen der Gesellschaft wurde auch der Alltag der Menschen auf den Modus der Entkoppelung umgestellt. Das nahezu beliebige Ein- und Aussteigen in alle möglichen Lebensbilder ist inzwischen zu einer gesellschaftlichen Weltanschauung geworden. Wir wechseln Partner, Familien, die Beziehung zu unseren Kindern, unsere Meinungen und unser Wahlverhalten und inzwischen sogar unser Geschlecht. Psychologen und Soziologen, die den Zustand der Gegenwartskultur zu beschreiben versuchen, sprechen von einer „Auskuppel-Kultur“ (Salber 1993) oder einer „Multioptionsgesellschaft“ (Gross 1994).

(4) Das Ein- und Auskuppeln von Lebenszusammenhängen hat die Macht des Faktischen auf seiner Seite. Es steht für Anforderungen, die hier und jetzt bewältigt werden müssen und deren Erledigung keinen Aufschub duldet. Die Bindung an lokale oder traditionale Lebensverhältnisse erscheint ebenso hinderlich wie eine intensive oder langwierige Beschäftigung mit Sachfragen. Die moderne Wirtschaft kennt nur kurzfristige Geschäfts- und Produktionszyklen. Sie wünscht sich den Typus des „flexiblen Menschen“ (Sennett 1998), der mit seiner Lebensweise auf immer neue Herausforderungen reagieren kann.

Das Prinzip des Entkoppelns hat aber auch den Vorzug, dass die Kosten des neoliberalen Gesellschaftsmodells kaschiert werden können. Die Industrieproduktion kann so organisiert werden, dass die Herstellung in Billiglohnländer verlagert und die Lohnkosten im eigenen Land gedrückt werden können. Während die Betriebsstätten in Europa nach neuesten Umwelt- und Sicherheitsstandards geführt werden und manchmal aussehen wie die Reinräume der Medizintechnik, werden die giftigen Abfälle bei der Herstellung der Ausgangsprodukte in den sogenannten Entwicklungsländern abgeladen – die man anschließend auch noch zu finanziellen Ausgleichsabgaben verpflichten kann.

Verlagert werden aber auch die Kosten der öffentlichen Daseinsvorsorge, die einmal zum Hoheitsgebiet des Staates gehört hatte. Der Wohlfahrtsstaat der Nachkriegszeit, der den neoliberalen Experten und Beratern bereitwillig die Türen geöffnet und sich auf einmal als „schlanker“ oder „aktivierender“ Staat verstand, beteiligte seine Bürger immer mehr an den steigenden Kosten der Sozialsysteme und der Vorsorge. Innerhalb weniger Jahre sank die Steuerlast für die Gewinne von Unternehmern und Spitzenverdienern, während der übrigen Bevölkerung klargemacht wurde, dass sie in Zukunft große Anteile der Sozialversicherungen selbst zu bezahlen habe.

Entkoppelung führt schließlich dazu, dass gesellschaftliche Probleme oder Widersprüche verborgen werden können. Das System des Neoliberalismus hat nicht nur eine eigene Kunstfertigkeit darin entwickelt, Steuer- und Staatschulen so zu verbuchen und zu benennen, als brauche man nicht mehr damit zu rechnen. Es kann auch Statistiken so handhaben, dass Inflationsraten nicht mehr wahrnehmbar sind oder Arbeitslosenzahlen auf niedrigem Niveau stagnieren. Die latente Krise, die im Hintergrund der postmodernen Gesellschaft schwelt, ist unsichtbar geworden. Es kann so getan werden, als hätte die Parteien- und die Wirtschaftskaste immer Recht. Das System ist „alternativlos“ geworden.

(5) Auch die Verlierer des Systems sind unsichtbar geworden. Wenn irgendwo ein Unternehmen schließen muss, weil es von einem internationalen Investor aufgekauft und die Produktionsstandorte ins Ausland verlagert wurden, sind „Auffanggesellschaften“ zur Stelle, die sich dazu bereit erklären, die Arbeitnehmer „umzuschulen“ oder „Abfindungsverträge“ auszuhandeln. Die Kosten dieser Auffanggesellschaften bezahlen oft nicht die Investoren, sondern staatliche Stellen, also am Ende die Arbeitnehmer selbst.

Diejenigen, die nicht mehr „aufgefangen“ werden können, weil sie entweder zu alt, zu wenig qualifiziert oder nicht bereit sind, sich den Gesetzen der „Gig-Ökonomie“ anzupassen, landen in den Arbeitsämtern. Im Zuge der neoliberalen Reformen wurden diese in „Agenturen“ umbenannt, in denen die Stellenvermittlung über sogenannte „Job-Börsen“ erfolgen soll. Die Terminologie ist nahe verwandt mit der Ideologie der Plattform-Ökonomie und hat vor allem den Zweck, den Menschen wieder und wieder deutlich zu machen, dass im Grunde genug Arbeit für alle da wäre. Wer im besten Wirtschaftssystem aller Zeiten keine Arbeit finde, sei entweder selbst schuld oder Systemverweigerer.

Das Ein- und Auskuppeln der neoliberalen Gesellschaftsordnung führt dazu, dass alle Teile der Gesellschaft irgendwie berücksichtigt und versorgt werden. Niemand kann behaupten, Staat oder Gesellschaft würden sich nicht kümmern. Schon für die Kleinsten gibt es Kitas und Ganztagschulen, für die Berufstätigen gibt es Versicherungen, Versorgungswerke und Riesterverträge, für die Arbeitslosen Umschulungs-, Förder- und Qualifikationsmaßnahmen, für die Obdachlosen Asyle und für die Flüchtlinge die Flüchtlingsheime.

Die Einbindung der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen erfolgt jedoch immer nach der Maßgabe und den Vorschriften des neoliberalen Systems. Zum einen wird der Einfluss von Parteien und Gewerkschaften zurückgedrängt, mit denen die Interessen der Menschen gebündelt und überhaupt so etwas wie ein Gruppen- oder Klassenbewusstsein entwickelt werden könnte. Zum anderen wird aber auch verhindert, dass Abweichungen, Gegensätze oder Widersprüche des Systems überhaupt Ausdruck und Stimme bekommen: Wenn statt von Arbeits-Losen nur noch von Arbeits-Suchenden gesprochen werden soll oder das Arbeits-Amt in eine „Agentur für Arbeit“ verwandelt wird, dann wird das Problem allein schon durch die Begrifflichkeiten aus der Welt geschafft.

Das Arbeitsamt ist im Grunde eine Sammelstelle für das, was K. Marx einmal als „Lumpenproletariat“ bezeichnet hat. Es versorgt diejenigen, die im System des Neoliberalismus keinen Platz und keine Stelle gefunden haben und es entzieht sie zugleich der öffentlichen Sichtbarkeit. Das Arbeitsamt leugnet nicht, dass es diese Menschen gibt, aber indem es sie in eine Dauerschleife aus Jobsuche, Antragstellung und Fördermaßnahmen versetzt, verweigert es ihnen eine gesellschaftliche Existenz. Die Aufwände, mit denen diese Form gesellschaftlicher Ausgrenzung organisiert wird, verschlingen jährlich Milliardenbeträge.

(6) Die Parteien hatten jenseits ihrer politischen Funktion im Rahmen einer repräsentativen Demokratie in der Vergangenheit immer auch die Aufgabe, den gesellschaftlichen Status ihrer Mitglieder zum Ausdruck zu bringen. Die Mitgliedschaft in einer Arbeiterpartei wirkte der Vereinzelung der Arbeiter entgegen und konnte ihnen geben, was Staat oder Unternehmer ihnen vorenthielten: das Gefühl, nicht aus der Gesellschaft herausfallen oder in den Status einer sozialen Nicht-Existenz versetzt zu werden.

Heute weigern sich die politischen Parteien, mit dem Klassenbegriff zu operieren. Sie bekennen sich fast ausnahmslos zur gesellschaftlichen „Mitte“ und geben sich staatstragend. Gleichzeitig werden gesellschaftliche Spannungen und Widersprüche zugekleistert mit Appellen an das Weltbürgertum, an Toleranz und Mit-Menschlichkeit. Die Worthülsen der politischen Correctness sind an die Stelle politischer Standpunkte, entschiedener Festlegungen und Partei-Nahmen getreten.

Allerdings führt das auch dazu, dass den Parteien ihr Publikum davonläuft. Die Menschen, die sich mit drei Jobs über Wasser halten oder die Familien, die mit einem monatlichen Brutto-Einkommen von 2.000 Euro auskommen müssen, verstehen nicht, was mit der Rhetorik von sozialer Integration und Menschenwürde gemeint sein soll. Sie verstehen auch nicht, warum das Leben durch Mülltrennung oder gendergerechte Sprache für sie besser werden soll. Sie erwarten das Versprechen von Lebensperspektiven, aber sie werden abgespeist mit Plastikwörtern aus der Managementsprache und der Lifestyle-Bewegung.

Die alten Parteien trugen auch dadurch zur sozialen Integration bei, dass sie die gesellschaftlichen Widersprüche und Gegensätze ausgefochten haben. Die Parteien der neoliberalen Gesellschaft laufen vor ihrer gesellschaftlichen Verantwortung davon und betreiben Auseinandersetzungen lediglich als inhaltsleeres Polit-Theater. Gleichzeitig empören sie sich darüber, wenn das Volk mit den Parteien am linken und rechten Rand des politischen Spektrums anbändelt oder durch Nicht-Wählen ausschert und sich so dem politischen Kalkül entzieht.

Die SPD, die sich lange Zeit als Arbeiterpartei verstanden hat, steht sinnbildlich für die Auflösung und den Niedergang des politischen Parteiensystems. Sie hat mit einiger Bewusstlosigkeit und Geschichtsvergessenheit das neoliberale System der Deregulierung und der Entkoppelung maßgeblich mitgetragen und gefördert und sie ist dafür von ihrer eigenen Klientel verlassen worden. Sie hat andererseits aber auch nicht versucht, dem Trend der Gegenwartgesellschaft ein eigenes Konzept entgegenzusetzen. Sie hat sich vereinnahmen lassen von der Ideologie des Funktionalismus, von den „Sachzwängen“ der Politik und der Bewältigung gesellschaftlicher Krisen, die sie selbst verursacht und angezettelt hat.

In der Berliner Parteizentrale der SPD kann man sehen, dass von den alten Begriffen der einstmals so stolzen Partei nicht einmal mehr Worthülsen übriggeblieben sind. Hinter der überlebensgroßen Figur des Über-Vaters Willy Brandt, hat eine anscheinend hippe Werbeagentur die Schlagworte der französischen Revolution aufgegriffen und in riesigen Lettern auf eine Glaswand aufsetzen lassen: Freiheit, Solidarität, Gerechtigkeit.

Ganz im Stil der Gig-Ökonomie und gemäß dem gesellschaftlichen Prinzip des Aus- und Abkoppelns sind die drei Begriffe aber in einzelne Wortfetzen aufgeteilt und getrennt voneinander angeordnet worden: FR-EIH-EIT; GER-ECH-TIGK-EIT; SOL-IDAR-ITÄT. Das sind noch nicht einmal sinnlose Silben, das ist Gestammel. Es ist der Abschied von jedem Versuch der Sinnauslegung und der Verständigung. Es ist ein Bild für das Schicksal der Arbeiter, das die SPD am eigenen Leibe vorführt und erleidet.

(7) „There is no such thing as society“, so lautete der Wahlspruch der Thatcher-Ära, mit der der Neoliberalismus in Europa eingeläutet wurde. Er macht darauf aufmerksam, dass der moderne Staat sich nicht an seinen Bürgern, sondern ausschließlich an den Märkten und dem Prinzip der Profitmaximierung orientiert. In einem solchen Weltbild kann es keine gesellschaftlichen Klassen und auch keine Klassengegensätze geben, weil das gesellschaftliche Leben ausschließlich als eine Funktion der Ökonomie definiert wird.

Ohne Gegensätze oder „Alternativen“ gibt es aber auch keine gesellschaftliche Entwicklung mehr. Der Staat kann seine Aufgabe nur noch darin sehen, die Folgen gesellschaftlicher Krisen zu bewältigen, die durch das Verschieben und Verlagern der ursprünglichen Entwicklungsaufgaben entstanden sind. Er ist dazu verdammt, sich Zeit zu „kaufen“, um den drohenden Zusammenbruch des Systems noch eine Weile aufzuschieben (Streeck 2013).

Wenn in diesem Jahr zum zweiten Mal in Folge der Tag der Arbeit zu einem Nicht-Feiertag erklärt wird, dann lässt sich das natürlich sofort mit der gefährlichen Wirkung des Corona-Virus begründen. Damit ist aber auch die nicht unerhebliche Nebenwirkung verbunden, dass die Geschichte der Arbeiterklasse sowie der Beitrag, den diese gesellschaftliche Klasse für die Entstehung und Entwicklung des modernen Staates geleistet hat, aus dem Blickfeld gerät. Es wird im Grunde verleugnet, dass Solidarität, Freiheit und Gerechtigkeit in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Kämpfen erstritten werden mussten.

Der 1. Mai, der nicht stattfindet, ist Teil einer Geschichtsklitterung, in der sich die neoliberale Gesellschaftsordnung als „alternativlos“ auszugeben versucht. Sie tut so, als habe sie keine Vergangenheit, sondern als würde sie lediglich aus den Anforderungen der Gegenwart erwachsen und als brauche man nur noch „auf Sicht“ zu fahren. Unter diesen Verhältnissen verlieren die Menschen den Lebenszusammenhang. Sie wissen nichts mehr von sich, von ihrem Herkommen und ihrer Würde. Die Technologien des Entkoppelns bringen die Vergangenheit, die Lebensgeschichte, ihre Ereignisse und Rhythmen, vor allem aber auch die Hoffnung auf eine andere Zukunft zum Verschwinden. Gelten soll nur noch das, was gerade ansteht und nach logistischen Maßstäben geregelt werden kann. Man arbeitet an einer Zukunft, in der es keinen Entwurf und keinen Begriff von Zukunft mehr gibt. Das „New Normal“ ist eine Gesellschaft, die nur noch ihre eigene Gegenwart kennt.

 

Gross, Peter (1994): Die Multioptionsgesellschaft. Frankfurt: Suhrkamp.

Salber, Wilhelm (1993): Seelenrevolution. Komische Geschichte des Seelischen und der Psychologie. Bonn: Bouvier.

Schmidt, Florian A. (2017): Digital Labour Markets in the Platform Economy. Mapping the Political Challenges of Crowd Work. Bonn: Friedrich Ebert Stiftung.

Sennett, Richard (1998): Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin: Berlin Verlag.

Streeck, Wolfgang (2013): Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus. Berlin: Suhrkamp.

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